Ruhm und Ehre den “Mehrtürern”?

Kurzer offener Brief an die Basisgruppe Antifaschismus (BA)

Die Bremer Basisgruppe Antifaschismus hat eine kleine Polemik verfasst, mit der sie unseren Auftritt auf der diesjährigen 1.Mai-Demonstration kritisiert. Durch das aus dem Zusammenhang gerissene Aufgreifen einer unserer Parolen ist klar, dass wir gemeint sind, auch wenn die BA nicht uns oder unseren roten Block explizit erwähnt.

Eingeleitet wird die Polemik durch ein kurzes witzig gemeintes Wortspiel, um die von uns genutzte Parole „Ruhm und Ehre den Märtyrern“ als altbacken und rückschrittlich darzustellen. Wir wollen das kurz erklären. Eine MärtyrerIn ist eine Person, die bereit ist, für ihre Überzeugung einen hohen Preis bis hin zum eigenen Tod zu bezahlen. Die Parole stand nicht einfach für sich, sondern wurde konkret von uns im Zusammenhang mit drei Namen gerufen: Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und Ernst Thälmann. Diese drei GenossInnen sind aufgrund ihrer Überzeugung, im Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung, ermordet worden. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg wurden von rechten Freikorps getötet und Ernst Thälmann von den Nazis in einem KZ. Wir denken tatsächlich, dass das nichts ist, worüber man sich lustig machen sollte, sondern diesen GenossInnen gilt Ruhm, Ehre und ewiges Gedenken. Sie standen für einen lebenslangen Kampf gegen Militarisierung, gegen imperialistischen Krieg, gegen den Faschismus, gegen die Ausbeutung der ArbeiterInnenklasse und für den Sozialismus. Deswegen haben wir diese Parole gerufen.

Die kleine Polemik der BA verweist weiterhin auf einen inzwischen neun Jahre alten Beitrag, in dem sie ihrer Meinung nach ausreichend nachgewiesen hätten, dass der „Traditionsmarxismus“ oder „Weltanschauungsmarxismus“ auf den Müllhaufen der Geschichte gehören würde. Dieser Diskussionsbeitrag der BA stellt unserer Auffassung nach jedoch keine ernsthafte und grundlegende Auseinandersetzung mit unserer Weltanschauung dar, sondern ist in der Hauptsache eine kurze Ansammlung von Abgrenzungen und Beleidigungen, aus denen nur ersichtlich wird, dass die BA das alles irgendwie verkehrt und schlimm findet. Erst im letzten Absatz lassen sich einige Standpunkte erahnen, über die man diskutieren könnte, die aber vor allem unbegründeten und thesenhaften Charakter tragen, weswegen wir vor allem offene Fragen haben.

Wo hat in der Geschichte ein „Putsch verkleidet als eine Revolution“ stattgefunden? Wo hat in der Geschichte angeblich eine „Kaderpartei von Berufsrevolutionären“ als Stellvertreter für die Massen so einen „Putsch“ durchgeführt? Eine Revolution ist ein Akt der Massen und kein Akt einer kleinen Gruppe oder einer Partei. Es ist unmöglich so etwas ohne die Massen durchzuführen und wir fragen uns, was die BA hier konkret meint. Weiterhin sprechen sie inhaltslos von einem „bürokratischen Staat“, von einem „Staatskapitalismus“, lehnen die Diktatur des Proletariats als Herrschaft „gegen die Menschen“ ab und stellen dem die „massenweise Selbstorganisierung“, „Selbstverwaltung“ und „(Selbst-)Emanzipation“ der Menschen entgegen.

Wir hoffen, dass die BA ihre Thesen näher ausführen kann, wir können größtenteils hinsichtlich ihrer Standpunkte nur spekulieren, wollen aber auch keine Standpunkte unterstellen. Grundsätzlich können wir sagen, dass das Konzept der Diktatur des Proletariats mit das Wichtigste an unserer Weltanschauung ist. Nach einer proletarischen Revolution braucht es einen sehr kraftvollen Staat, einen Staat der ehemals Ausgebeuteten und Unterdrückten, der die Errungenschaften der Revolution verteidigt, die konterrevolutionären Kräfte niederhält und Stück für Stück neue Produktionsverhältnisse aufbaut und für diesen Zweck die breiten Massen für die Verwaltung eben dieses Staates unter Führung der Partei heranzieht. Die Führung der kommunistischen Partei ist dabei nicht gegen die Menschen gerichtet, sondern hat den Zweck, langfristig die von der BA angepriesene Selbstverwaltung zu etablieren. Dies ist jedoch ein langer Prozess und geht nicht von heute auf morgen. Der Sozialismus, die Diktatur des Proletariats, ist eben als Übergangsgesellschaft zu begreifen, in der die Voraussetzungen für den Kommunismus geschaffen werden sollen. Die Diktatur des Proletariats ist dabei der erste und einzige Staat, der von Beginn an den Zweck hat, langfristig überflüssig zu werden und abzusterben. Wenn alle konterrevolutionären Kräfte besiegt und die Produktionsverhältnisse umfassend revolutioniert sind, dann wird es auch keinen sozialistischen Staat mehr geben und auch die kommunistische Partei hat ihren Zweck erfüllt. Die Diktatur des Proletariats hat nicht Lenin erfunden, sondern Marx und Engels. Es ist völlig richtig, dass Lenin mit den Erfahrungen der Oktoberrevolution dieses Konzept weiter umfassend konkretisiert und weiterentwickelt hat.

In diesem Sinne tragen wir den Begriff „LeninistInnen“ mit Stolz. Den Begriff des „Stalinismus“ lehnen wir hingegen ab, weil es ein antikommunistischer Kampfbegriff ist, den rechte bürgerliche Historiker wie Guido Knopp benutzen, um den Sozialismus zu diffamieren. Wir stimmen mit der BA überein, dass selbstständiges Denken für RevolutionärInnen extrem wichtig ist. Die radikale Linke sollte sich also wundern und darüber nachdenken, wenn sie dieselben Standpunkte vertritt wie reaktionäre bürgerliche Historiker.

Wir nehmen die BA als Organisation ernst, weswegen wir uns die Zeit genommen haben, diesen kurzen offenen Brief zu verfassen. Wir hoffen auf eine ideologische Auseinandersetzung, die mit ein wenig mehr Inhalt gefüllt ist, als Seitenhiebe, Wortspiele und neun Jahre alte Beleidigungen.

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